Kaminzimmergespräch „Arbeiten im Ausland“, 07. April 2011
von Jana Nicolas
Ein Donnerstagabend, 28 Studenten und vier interessante Referenten.
Dieses Mal ging es um das Thema „Arbeiten im Ausland”.
Die Referenten waren Frau Dr. Veronika Siebenkotten (Ärztin, Ärzte ohne Grenzen), Frau Regine Reim (Projektleiterin, Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit), Herr Adam Badyna (Product Manager MA, CompuGroup Medical) und Herr Otto Birnbaum (Consultant, Simon-Kucher & Partners).
Ob es nun ein Jugendtraum war, eine Reihe von Zufällen oder eine Art innerer Ruf – alle Referenten verbindet die Erfahrung im Ausland gearbeitet zu haben und es noch immer zu tun.
Die Wahl der Referenten war bunt. So arbeitet Frau Dr. Siebenkotten bis heute nicht ausschließlich, doch immer wieder für die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“, womit sie sich vor einigen Jahren auf Umwegen ihren Jugendtraum erfüllte. Sie sprach, wie sie sagte, zum ersten Mal vor Wirtschaftlern und eröffnete die Runde, indem sie traditionell, wie alle Referenten, mit einem Vortrag einstieg. Es ging sowohl um ihre Person, als auch um die bewundernswerten Tätigkeiten im Rahmen ihrer Einsätze für „Ärzte ohne Grenzen“, oder besser gesagt, für die notleidenden Menschen vor Ort.
Viele eindrucksvolle Fotos, Geschichten von Erlebtem und auch eine Probe „Plumpynut“ (eine Erdnussmasse, verzehrfertig in kleine Tüten verpackt – ist sehr nährstoffreich und wird im Kampf gegen Hungersnöte vor allem in Afrika eingesetzt) machten für die Anwesenden Frau Dr. Siebenkottens inneren Antrieb greifbar.
Als zweites begann Herr Adam Badyna mit seinem Vortrag. Er arbeitet seit 2003 im Ausland und zwar in Deutschland. Herr Badyna ist Pole und kam als Au Pair nach Deutschland. Danach hat ihn das „Auslandsfieber“ gepackt und bis heute nicht mehr losgelassen. Er beschloss in Deutschland zu studieren. Aufgrund der fehlenden EU-Osterweiterung war damals jedoch vieles schwieriger und mit einem wesentlich höheren Aufwand verbunden, doch er ließ sich nicht abschrecken. Er
verbesserte täglich sein Deutsch und konnte, nach Erlangung eines Zertifikats, an einer deutschen Fachhochschule studieren.
Nach Beendigung seiner gesamten (vorläufigen) Studienaktivitäten blieb er in Deutschland um in der „Healthtechnologie“ Branche zu arbeiten. Spontan fiel ihm zu Deutschland und der hiesigen Arbeitsweise ein, dass sozusagen ein „just-in-time“ arbeiten nicht möglich sei. Fast alles müsse unzählige Korrekturschleifen drehen – eine Situation die zu vieles verlangsame und unter der die Menschen in der Arbeitswelt seiner Meinung nach leiden. Besonders wenn sie, wie er, Ziele hätten. Allerdings muss auch er sich den deutschen Gegebenheiten anpassen. Sein Tatendrang ist trotz dieser Mentalität in Deutschland noch immer ungebremst. Derzeit promoviert er neben dem Job noch in Österreich. Wir alle wünschen ihm viel Erfolg!
Als dritte Referentin durften wir Frau Regine Reim in dem unterhaltsamen Laufschritt ihres abwechslungsreichen bisherigen Berufslebens durch viele verschiedene Länder folgen. Ihre Reise ging unter anderem von Deutschland über Sibirien nach China, auch mal wieder zurück, in das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und von dort wieder fort. Im Moment arbeitet die vielseitig interessierte Rechtsanwältin bei der GIZ (Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) und bleibt sich und ihrer internationalen Ausrichtung somit weiter treu.
Sie empfindet unter anderem das Privatleben in vielen Ländern als wesentlich einfacher als in Deutschland, womit sie nicht den Lebensstandard, sondern Freundschaften und die Offenheit der Menschen meinte.
Ein wichtiger Rat von ihr war, auch die Rückkehr zu planen. Dazu gehören Aspekte wie die Rentenversorgung, aber auch ein umgekehrter Kulturschock, den es zu berücksichtigen gilt.
Der letzte Vortrag stammte von Otto Birnbaum. Er war in der Runde der jüngste Referent und hoch erfreut endlich auch mal auf der „anderen Seite“ zu sitzen. Erst ein knappes Jahr zuvor hat er seinen Abschluss gemacht.
Sein „Auslandsfieber“ führte im Alter von sechzehn Jahren dazu, dass er ein Jahr in Oxford eine öffentliche Schule besuchte. Als das Studium bevorstand, entschied er, dass studieren in Deutschland nicht möglich wäre und ging nach Schottland. Er kehrte allerdings schnell zurück und merkte, dass ein Studium in Freiburg doch keine schlechte Sache sei. Dies hielt jedoch nur bis zum Vordiplom. Dann zog es ihn an die ESCP und zu drei internationalen Abschlüssen, die durch je ein Jahr Studium in London, Paris und Berlin erlangt werden.
Während dieser Zeit finanzierte er alles durch Jobs, Praktika und Stipendien, wie auch schon in Oxford, selbst.
Mittlerweile lebt und arbeitet er in New York als Berater.
Otto Birnbaum hat sich also bereits einige Zeit, wie er es nannte, „durch das europäische Kulturensystem geprügelt“ und konnte uns so auch mit der ein oder anderen unterhaltsamen Geschichte begeistern, die einige sich hartnäckig haltende Klischees bestätigte.
Die Diskussionsrunde
Das Thema Klischees wurde auch in der traditionell an die Vorträge anschließenden Diskussionsrunde wieder aufgenommen. In dieser wurden einige der zur Anmeldung beigefügten Fragen gestellt und durch die Referenten lebhaft und aufschlussreich beantwortet.
Diesmal ging es um die Erwartungshaltung an Deutsche im Ausland.
Die Antworten waren hierbei so unterschiedlich wie die vier Referenten selbst, ihre Berufe und die Länder, von denen sie berichteten.
Während Frau Dr. Siebenkotten im Rahmen ihrer Auslandseinsätze keine Unterschiede zwischen den Helfern verschiedener Nationen bemerkte, berichtete Regine Reim von dem „Ausländerbonus“ den sie beispielsweise als Deutsche in China erfahren hatte und der ihr bisweilen sehr unangenehm war.
Otto Birnbaum stellte London und New York als „cultural meltpots“ gegenüber Frankreich und der Schweiz, in denen Deutsche zunächst mehr auf Distanz gehalten würden. In Frankreich aber zumindest nur so lange, bis man die Sprache einigermaßen beherrsche.
Für Adam Badyna war der Aspekt der EU-Erweiterung sehr wichtig. Er hat noch immer die polnische Staatsangehörigkeit und musste vor der Erweiterung viel mehr umständliche Behördengänge machen, was durchaus mit der deutschen „Gründlichkeit“, oder wie er es empfindet, mit der deutschen Bremse zu tun hat.
Das Einschreiben an Hochschulen und generell Bewerbungen auf Jobs seien nun viel leichter. In seinen Augen ist die Erweiterung ein Türöffner, gerade für solch engagierte Menschen wie ihn.
Das Engagement von Frau Dr. Siebenkotten brachte wohl bei einigen Zuhörern Gewissensbisse zum Vorschein. Nun wurde in der Frage-Antwort-Runde daher die Frage laut, wie man auch als Wirtschaftler seinen Teil zur Verbesserung der humanitären Situation in einigen Ländern beitragen kann. Ihre Antwort darauf war, dass niemand ein schlechtes Gewissen zu haben braucht. Alle Referenten waren sich einig, dass es viele Möglichkeiten gäbe die beiden Aspekte zu verbinden. Neben speziellen Aktivitäten dürfe man außerdem nicht vergessen, dass man auch immer wieder mit seiner wirtschaftlichen Tätigkeit in einen Strom einspeise.
Da bei einigen Zuhörern in naher Zukunft das Auslandssemester ansteht, wurde auch um eine Einschätzung der Referenten (alle beherrschen mindestens drei Fremdsprachen) gebeten. Ist ein
perfektioniertes Englisch oder eine weitere Fremdsprache wichtiger?
Die einhellige Meinung war, dass es gut sei Englisch zu sprechen und zu verstehen. Perfekt müsse es jedoch in den meisten Fällen nicht sein. Die Perfektion einer Sprache fände sowieso erst statt, wenn man sie wirklich braucht und dann gehe es sehr schnell.
Sprache wurde zunächst einmal lediglich als Kommunikationsmittel definiert. Eine weitere Fremdsprache sei aber immer gut und auch „Exotensprachen“ hätten durchaus ihre Berechtigung.
Man würde in den jeweiligen Ländern oder den Menschen anders angenommen, wenn man zumindest ein wenig mit ihnen in ihrer Landessprache sprechen könne. Auch seien viele Arbeitgeber froh, wenn man mehrere Sprachen sprechen würde.
Zudem bringe es geistige Flexibilität und darüber hinaus falle es mit steigender Anzahl bereits gelernter Sprachen immer leichter weitere zu erlernen.
Auch den Vorbehalten einiger Zuhörer, dass man ja in der Heimat vieles zurücklasse, beispielsweise Freunde und Verwandte, konnten die Referenten beruhigend begegnen. Man lasse nichts zurück, sondern gewinne neue Erkenntnisse über sich und sein Umfeld in der Heimat.
Für Otto Birnbaum liegt gerade in den schwierigeren Anfangszeiten in einem neuen Land der Reiz. Er nimmt die Herausforderung offen und ungeschönt an. Jedes Mal wenn er es dann geschafft hat sich einzuleben, ist dies für ihn ein unglaubliches Gefühl.
Das Get-Together
Zum Abschluss des Abends gab es noch einmal die Möglichkeit in einen persönlichen Dialog mit den Referenten, aber auch den anderen Studenten, zu treten. Alle Anwesenden nutzten die Möglichkeit nur zu gern.
Die gesamte Zeit über war die Atmosphäre sehr harmonisch und es lag ein wenig der Wunsch nach dem persönlichen Abenteuer im Ausland in der Luft.
Um es abschließend mit den Worten von Regine Reims zu sagen: „Geht ins Ausland. So schnell und so weit wie ihr nur könnt“.

